Sonntag, 27. September 2020

..
.

27.09.2020
Sonntag20200927_001.JPG


Der Gottesdienst am 27. September ist wieder einmal ein ganz besonderer Gottesdienst.
Dass Pfarrer Worch auch ohne Organistin oder Organist auskommt, ist jetzt ja nichts Besonderes mehr.



Sein virtuoses Spiel erfreut aber immer wieder aufs Neue!
Sonntag20200927_002.JPG


Das Besondere in diesem Gottesdienst ist vielmehr der Versuch, moderne Videotechnik in den Gottesdienst einzubringen.

Bei den drei Konfirmationsgottesdiensten am letzten Sonntag wurde die Technik erstmals (erfolgreich) erprobt.
Sonntag20200927_003.JPG


Die große Osterkerze musste ihren Platz wechseln.
Sonntag20200927_005.JPG


Der 65-Zoll-Bildschirm ist an dieser Position am besten sichtbar.
Sonntag20200927_006.JPG


REZEPT
Eine Gedichtvertonung
Jage die Ängste fort und die Angst vor den Ängsten!

Hier können Sie das eingespielte Video anschauen.
Das Video auf Youtube
Sonntag20200927_004.JPG

Die Predigt – Es gilt das gesprochene Wort.
Wissen Sie, was eine Bucketliste ist? Das ist so eine Liste, was man in seinem Leben noch alles erleben möchte. Ehe es zu spät ist. So eine Liste habe ich in dieser Woche gelesen.
„20 Dinge, die Du Dich schon immer mal trauen wolltest, bevor du stirbst“.
20 Dinge, das ist gar nicht so einfach.
Was würden Sie auf die Liste setzen?
Mir fällt das schwer. Eigentlich habe ich mich schon ganz schön viel getraut. Mehr als andere vielleicht. Andererseits – ich kann auch ganz schön feige sein. Ein paar Sachen gibt es schon, die habe ich mich noch nie getraut.
Ich bin aber auch so ganz gut durchs Leben gekommen.


Jage die Ängste fort und die Angst vor den Ängsten.
Wenn das so einfach wär! Gerade jetzt, wo jeden Abend die neuen Ansteckungszahlen über den Bildschirm flackern. Wo die Wirtschaft in vielen Bereichen schwer leidet. Wo größenwahnsinnige Männer mit den Ängsten der Leute spielen und Wahlkampf machen. Und das nicht nur in den USA, sondern hier direkt vor unserer Haustür. Und die Bilder von trockenen Feldern und brennenden Wäldern, von Hurrikanen, die alles verwüsten, sind Stoff genug für den einen oder anderen Angsttraum.
Jage die Ängste fort und die Angst vor den Ängsten.
Und in meiner eigenen kleinen Welt? Da gibt es genug, wovor ich Angst habe.
Die Angst, sich öffentlich zu blamieren.
Die Angst, von den anderen nicht gemocht zu werden.
Die Angst vor Zurückweisung.
Die Angst vor Schmerzen.
Die Angst vor Einsamkeit.
Die Angst vor dem Alter.
Die Angst vor dem Sterben.
Die Angst, dass die geliebten Menschen vor mir gehen.
Und ich wüsste noch tausend Dinge mehr, die mir Angst machen. Und euch auch.
Jage die Ängste fort und die Angst vor den Ängsten.
Mascha Kaleko hat das geschrieben. Eine Frau, die ihre eigene Erfahrung mit der Angst hatte. Die Todesangst kannte. 1914, da war Mascha gerade 5 Jahre alt, floh ihre Mutter mit Mascha und deren Schwester aus Galizien vor den Pogromen, vor der Verfolgung. Denn Maschas Familie waren Juden und denen gab man schon immer gerne für alles die Schuld, auch für den gerade beginnenden ersten Weltkrieg.
Mascha lebte später in Berlin, schrieb Gedichte, als die Nazis an die Macht kamen. 5 Jahre – von 1933 bis 1938 - musste Mascha Kaleko miterleben, wie die Nationalsozialisten das Netz um die jüdischen Mitbürger enger zogen. Ihre Schriften wurden verboten, Freunde konnten nicht mehr als Ärzte, Anwälte, Geschäftsleute arbeiten. Wie sie in Zeitungen verspottet wurden, ihres Vermögens beraubt wurden.
Mascha Kaleko floh im September 1938 aus Deutschland, wenige Wochen vor der Reichspogromnacht.
Jage die Ängste fort und die Angst vor den Ängsten.
Nein, einfach ist das nicht. Weil diese Ängste sehr real sind. Schatten in dein und mein Leben hineinwerfen. Manchmal über Jahre.
Es kostet Kraft und Mut, gegen diese Ängste anzugehen.
Der einen gelingt es in der Psychotherapie. Wenn die Therapeutin die Frage stellt: „Was ist das Schlimmste, was passieren könnte, wenn Sie diesen Weg einschlagen? Oder auch, wenn Sie nichts tun?“
Und du malst Dir das Schwärzeste aus, was Du dir vorstellen kannst. Die Therapeutin geht mit dir in Gedanken durch: Wie wahrscheinlich ist es, dass dieses Schlimmste eintritt? Was kannst Du tun, wenn das Schlimmste eintritt? Wie kannst Du Dich darauf vorbereiten? Auf welche Kräfte in dir kannst Du dann zurückgreifen? Und dann: Und was wäre das Beste, was passieren könnte, wenn Du trotzdem diesen Weg gehst?
Und die Antworten, die du findest, kauen die Ängste klein.
Jage die Ängste fort und die Angst vor den Ängsten.
Das gelingt auch da, wo du dich zu einem stellst, der schon trotz aller Angst dasteht. Widersteht.
Einsteht für das Gute.
Bei der Demo gegen die Rechten.
Auf den Straßen von Minsk.
Oder am Sterbebett des Menschen, der dir wichtig ist.
Weil Du Liebe in dir hast, die dir Kraft gibt. Liebe zu deinem Land. Zu Gerechtigkeit und Demokratie. Zu einem Menschen, den du trotz deiner Angst vor dem Tod nicht alleine lässt.
Jage die Ängste fort und die Angst vor den Ängsten.
Auch das Gebet kann ein Mittel gegen die Angst sein.
Die Hände, die sich auf dem Stuhl vor der Intensivstation zum Gebet verkrampfen.
Die angezündete Kerze in der Kirche, mit der du sagst: Gott, hilf! Du hast mir bisher geholfen, lass mich auch jetzt nicht allein. Und Gott, gib mir die Kraft, für meine Familie da zu sein, wenn es nicht gut ausgeht.
„Mut ist Angst, die gebetet hat.“ Die weiß, da ist einer, der hat den Tod besiegt.
Der hat versprochen, dass es nach dem Tod noch etwas gibt.
Und dass er da ist – im Leben und im Sterben.
Jage die Ängste fort und die Angst vor den Ängsten.
„Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Amen.



Die Gemeinde darf nicht singen – aber so geht es auch ;-)
Sonntag20200927_007.JPG


Das vorgesehene zweite Video musste wegen Tonproblemen abgebrochen werden. Mit der Technik muss halt noch etwas experimentiert werden.

Dennoch war dieser besinnliche Gottesdienst eine besonders gelungene Premiere!



Musikalischer Ausklang dieses besonderen Gottesdienstes.

Gefällt dieser Bericht?


[Counter]Aufrufe
17 JA
NEIN

zur Startseite