Immanuel
Kant – wieder brisant!

Davon überzeugte
der russische Philosophieprofessor Dr. Wladimir Gilmanow aus
Kaliningrad/ Königsberg am Donnerstag (10.11.) die Besucher,
die zum
Vortrag über Kant’s Schrift „Zum ewigen
Frieden“ in die Ev. Kirche in
Fränkisch-Crumbach gekommen waren. Für die dort seit
15 Jahren im
November gestaltete Friedensdekade war in Zusammenarbeit mit dem
Bildungsreferenten des Ev. Dekanats Reinheim dieser Referent aus dem
Wirkungsort Kants gewonnen worden. Gerade hat die Universität
den Namen
Kants verliehen bekommen, doch Prof. Gilmanow zeigte, dass ein
kritischer, aufklärerischer Geist nicht widerstandslos als
Aushängeschild vereinnahmt werden kann. Denn er selbst eckt
mit seiner
Kant-Forschung und seinen praktisch-politischen Schlussfolgerungen eher
an, wenn er als Gegner von Nationalismus, als Kommunikator zwischen
Russen und Deutschen und Befürworter der Versöhnung
aktiv wird. So
vermittelt er Studentenaustausch, organisiert Vortragsreisen durch
Deutschland und veröffentlicht Aufsätze in Deutsch,
die philosophische
Grundfragen in aktuelle politische Entwicklungen (UNO, EU,
russisch-deutsche Beziehungen) einbringen.

„Würde
Kant heute –
nach 210 Jahren – seine Schrift ‚Zum ewigen
Frieden’ noch genauso
schreiben, oder sei sie als Utopie durch weltgeschichtliche Ereignisse
überholt?“ wurde aus dem Zuhörerkreis
gefragt. Prof. Gilmanow wies
darauf hin, dass die Schrift gerade als Realitäts-bezogene
Umsetzung
der vorausgegangenen theoretischen Grundlegungen entstanden ist. Sie
überrascht, dass ganz unphilosophische harte Fakten aufgezeigt
werden:
Kant geißelt die Logik des Wettrüstens mit den
Folgen der Verschuldung
und der Inflation, von der wenige profitieren, die Allgemeinheit aber
verliert. Kant entlarvt Ideologien der Kriegsrechtfertigung, wie sie
heute noch im Gebrauch sind (‚den Gegner zu seinem
Glück zwingen’), er
fordert öffentliche Entscheidungen über Krieg und
Frieden, da am
ehesten die Bürger, die die Folgen eines Krieges tragen
müssen, „sich
sehr bedenken werden, ein so schlimmes Spiel anzufangen“ und
hält
Berufsarmeen insofern für einen Risikofaktor.
Kant betreibe keine flache Moralisierung, dazu kenne er die
„Natur des Menschen“ zu genau.
Staaten
müssen dazu gebracht werden, auch zwischen einander
Rechtsgrundsätze
anzuerkennen, wie sie als bindende Kraft innerhalb der Nationen
gewaltfrei Konflikte regeln. Innerhalb des Bürgerstaats
erkennen seine
Mitglieder die Vernünftigkeit und den gegenseiti-gen Vorzug
eines
solchen rechtsstaatlichen Ausgleichssystems. Zwischenstaatlich
müsse
jedoch der Absolutismus noch überwunden werden –
auch durch
Verflechtung solcher weltgesellschaftlicher-wirtschaftlicher
Interessen, die allseitigen Vorteil bringen.
Prof. Gilmanow
zitierte Kant: „Die Politik sagt: ’Seyd klug wir
die Schlangen’; die
Moral setzt (als einschränkend Bedingung) hinzu:
‚und ohne Falsch wie
die Tauben’“ und einen weiteren abgewandelten
Jesus-Spruch: „Trachtet
allererst nach dem Reiche der reinen praktischen Vernunft und nach
seiner Gerechtigkeit, so wird euch euer Zweck (die Wohltat des ewigen
Friedens) von selbst zufallen.“

In der regen Diskussion mit
den Zuhörern wurde deutlich, dass es Kant darum geht die
Freiheit des
Individuums zu retten. Dies Projekt bleibe wichtig in einer immer
stärker verketteten, schwerer erkennbaren und
veränderbaren Realität,
die scheinbar nur noch funktionierende statt agierende Menschen
benötigt. Doch wie Kant sich gegen einen religiös
abgeleiteten
Determinismus verwahrt hat, so auch gegen einen machtpolitischen (der
die morallose Macht des Faktischen anbetet). Kant kämpfe
dafür, dass
das „Fenster des Unbedingten“ offen bleibe, sagte
Prof. Gilmanow –
dabei blickte er zum Kirchenfenster der Chorapsis auf . Dieses Fenster
sei das Geheimnis des individuellen Gewissens, in dem jeder Recht und
Unrecht spürt. Es werde nicht erst ansozialisiert, es schlage
eine
Brücke zu jedem Mitmenschen. Der Gehorsam dem Gewissen
gegenüber sei
die Möglichkeit, menschliche Würde zu erreichen und
sich menschlich als
Zweck an sich zu verwirklichen „Handle nur nach derjenigen
Maxime,
durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz
werde. Das Projekt „Aufklärung als
Herausführung aus der
selbstverschuldeten Unmüdigkeit“ ist noch im Gange,
Immanuel Kant für
die Zukunftsaufgaben noch brisant: „Habe Mut, dich deines
Verstandes zu
bedienen!“
Bericht: Werner.Stoklossa, Bildungsreferent im Ev.Dekanat Reinheim - Bilder: Bernd Sykora.
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